Weihnachtslieder werden gesungen

Die größten Weihnachtschöre Deutschlands sangen schon gestern und vorgestern Abend:

Gestern trafen sich 27.500 1. FC Union Berlin-Fans in ihrem Stadion, der Alten Försterei, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen. Ein Köpenicker Pfarrer im Ruhestand liest dabei – wie jedes Jahr – die Weihnachtsgeschichte vor:

Ehe Müller die Zeilen aus dem Lukas-Evangelium liest, spricht er über Krieg und Frieden und über die Flüchtlinge, die aus Not und Angst vor dem Tod nach Deutschland flüchten. Er wirbt um Verständnis für sie, so wie es der Klub sonst auch tut: Vor ein paar Wochen hatte der 1. FC Union seine Fans aufgerufen, an einer Mahnwache für Flüchtlinge teilzunehmen.

Süddeutsche.de, 24.12.2014

Am Abend vorher versammelten sich in Dresden 17.500 Menschen, um der Einladung von PEGIDA zum Weihnachtsliedersingen zu folgen:

Gemütlich wird es auch beim eigentlichen Singen nicht, weil ganz einfach kaum jemand mitsingt. Das christliche Abendland ist entweder nicht textsicher oder, und das ist wahrscheinlicher, es mag jetzt einfach nicht so gern O du Fröhliche singen, es mag lieber schimpfen.

ZEIT Online, 23.12.2014

Welch ein Kontrast!

Es gäbe noch viel dazu zu schreiben, heute möchte ich aber stattdessen die ersten drei Strophen eines Weihnachtsgedichts (oder Lied, wer vertont es?) von Tim Allgaier zitieren und euch frohe Weihnachten wünschen!

Kurz nach Weihnachten:
Drei politische Flüchtlinge am Mittelmeer,
fern von Bethlehem.
Ein Mensch ist illegal,
vom nahöstlichen Despoten zum Asylsuchenden gemacht.
Ziel: klamm heimliche Einwanderung.
Stille Nacht, eilige Nacht.

Die Mutter: sehr jung, kürzer verheiratet als schwanger gewesen.
Der Vater: erklärt den Skandal mit Engeln…
Jeder denkt, sie brennen durch:
Das sittenwidrige Paar Provinzler,
dass das verbotene Kind bei den Tieren gebar,
erfahren im Umgang mit zwielichtigen Gestalten wie Schäfern und ausländischen Magiern.
Brave Maria.
Im Arm: illegal, allen egal
– der heruntergekommene Gott.

Später wird er ‘von Nazareth’ genannt werden.
Er kommt von dort, ohne bisher dort gewesen zu sein.
Das Schicksal jeder zweiten Flüchtlings-Generation.
Geburtsort: Bethlehem
Wohnort: noch ungewiss.
Flucht ums Mittelmeer herum-
Muttersprachlich fremd aufwachsen im fremden Land.
Gastarbeiterkind, Migrationshintergrund
– der herum gekommene Gott

Ihr solltet auch die weiteren Strophen lesen – hier bei Blue Eyed Believer

Brot & Butter: das offene Mitbring-Abendbrot

Facebook-Banner-Brot & Butter

Im Rahmen von FreiRaum laden wir seit Oktober jeden Mittwoch zu Brot & Butter, einem offenen Mitbring-Abendbrot ein. So sind wir jeden Mittwoch gespannt, wer kommen wird und freuen uns über die meist sehr inspirierenden Begegnungen mit und unter unseren Gästen.

Über den gestrigen Abend habe ich im FreiRaum-Blog einen kurzen Eintrag geschrieben, den ich nun hier einfach mal komplett zitiere:

2014-06-21-BrotundButter

Brot & Butter fand gestern Abend zum ersten Mal im schönen Hinterhof statt, so konnten wir das wunderbare Wetter und auch wunderbare Menschen genießen. Wir saßen dort mit zehn sehr unterschiedliche Menschen bei leckeren Stullen: Generationen, Milieus, religiöse Prägungen, Behinderungen und Kulturen durchmischten und bereicherten sich. Und auch die Themen: Wir sprachen über Berlin und andere Orte in Deutschland und Schottland, Jobsuche, berufliche Laufbahnen in der DDR, Obdachlosigkeit, die Erforschung alter Postkarten, Gottes Führung und Gebetserhörungen, gute Erfahrungen aus Zeiten der Arbeitslosigkeit und einiges mehr.
So stellen wir uns unsere offenes Mitbring-Abendbrot vor: Entscheidend ist nicht, ob jeder einen Brotbeleg dabei hat – viel wichtiger sind die Geschichten und Erlebnisse, die jeder mitbringt.

Rückblick: Emergent Forum 2013

Letztes Wochenende waren wir mit dem Emergent Forum bei der REFO Moabit hier in Berlin zu Gast. Ich finde, dass es mal wieder ein sehr gutes Forum war, manche sagen sogar inhaltlich bisher das beste. Unser Thema war »Spiritualität: Rhythmus & Begegnung«. Wir näherten uns dem Thema mit Workshops, einen Gottesdienst, einem Hauptreferat, Gesprächsrunden, Stationen, einem Erlebnisraum, einem liturgischem »HerZschlag« und nicht zu vergessen bei leckerem Essen und guten Getränken in den Zeiten davor, danach und dazwischen. Danke an alle die dazu beigetragen haben!

Für alle, die nicht dabei sein konnten, und auch für die, die da waren, möchte ich hier einige Links zu Berichten und mehr verlinken:

Vorträge und Workshops:

Rückblicke und Reflexionen:

Musik:

Fotos:

Twitter:

Habe ich etwas übersehen? Dann weise mich bitte in einem Kommentar darauf hin!

Die Geschichte vom Tanz

Die Vorgeschichte zum Tanz

Letzte Woche im siebten Modul des Studienprogramms Gesellschaftstransformation: Wir hören von unserem Dozenten Volker Brecht einiges zu Kommunikativer Theologie. Und vor allem sollen wir Kommunikative Theologie betreiben. Ich zusammen mit drei Frauen. Ein spannender Prozess. Die Frage die uns beschäftigen soll: »Was ist Gesellschaftstransformation?«.

Wir brauchen lange, um einen gemeinsamen Zugang zu finden. Dann spricht jemand vom einem Tanz. Und plötzlich sprudeln die Ideen. Wir teilen uns auf in zwei Teams, das eine schreibt die Geschichte, das andere die Auslegung dazu. Aber lest selbst:

Die Geschichte vom Tanz

Mit Gesellschaftstransformation ist es wie in dieser Geschichte:

Als ich eines Morgens das Fenster öffne, höre ich Lachen und leise Musik. Ich schaue hinunter auf den Marktplatz. Dort tanzen sie. Seltsam. Und gleichzeitig schön. Es sieht so lebendig aus. Meine Kaffeetasse steht einsam auf dem Tisch. Wann habe ich mich das letzte Mal lebendig gefühlt? Ich ziehe meine Schuhe an. Die Kaffeetasse nehme ich mit. Ich höre die Musik jetzt deutlicher. Außer mir sind noch einige andere gekommen und schauen von Weitem zu.

Plötzlich stoppt die Musik. Oh, schon vorbei? Eine leise Enttäuschung macht sich bemerkbar. Aber die Leute bleiben. Eine Stimme ertönt und erklärt den Grundschritt. Zunächst übt jeder für sich. Die ältere Dame wagt zaghaft und etwas staksig einige Schritte. Der junge Mann hilft ihr geduldig. Beim Näherkommen bin ich erstaunt, wer alles dabei ist. Der Obdachlose von der Parkbank, die Verkäuferin aus dem Supermarkt, sogar mein Hausarzt ist dabei. Weiter vorne üben Studenten und auch Kinder sind dabei. Die Musik geht wieder an, mein Fuß beginnt zu wippen. Heimlich übe ich. Und plötzlich steht sie vor mir: Das Mädchen, welches vorhin die Schrittfolge erklärt hat. Sie lacht mich fröhlich an. „Magste mitmachen?“ Ich zögere. Kann ich das? Und wenn ich mich anstelle wie ein Trottel? Doch dann überwinde ich mich und auf einmal bin ich mittendrin. Jetzt höre ich auch diese wunderschöne glockenhelle Musik und es ist plötzlich so egal, dass ich auf dem Markplatz bin und tanze. Ich spüre Lebendigkeit in mir. Da ist Freude. Ich darf sein. Das ist so heilsam.

Und jetzt bin ich aus dem Takt. Behutsam hilft mir meine junge Lehrerin und zeigt mir noch einmal die Schritte. Ich tanze es nach, wieder und wieder und ich verstehe langsam, worum es hier geht. Sie erzählen auch von ihm, dem Komponisten der Musik.

Beim Weggehen sehe ich noch zwei Tänzer, wie sie tanzen. Sie sind eins in ihrer Bewegung. Zwei Personen und doch eins. Es ist wunderschön. Morgen bin ich wieder dabei!

Die Auslegung des Tanzes

Die Musik zu der Leute auf dem Marktplatz tanzen, ist die Musik des Himmels. Ihr Rhythmus ist Gottes unendliche Liebe zu seiner Welt. Diese Grundlage zeigt sich in der Melodie seines Handelns und seiner Geschichte mit der Welt. Das Ziel dieses Handelns ist die Wiederherstellung der Beziehungen der Menschen in allen Dimensionen: zu sich selbst, zum Nächsten, zur Umwelt und zu Gott. So entsteht ganzheitliches Heil – Schalom.

Die, in denen diese Musik lebt, können nicht anders, als in Bewegung zu kommen, sie fangen an zu tanzen und im Tanz miteinander zu kommunizieren. Der Grundschritt ihres Tanzes ist Liebe zu Gott und zum Nächsten. Gott lädt sie ein in den wiederhergestellten Beziehungen zu leben, an seinem Handeln teilzuhaben und andere mit in diesen Tanz hineinzunehmen. Wer den Grundschritt beherrscht, lernt ihn immer mehr in Freiheit auszuformen. So zeigt sich die Liebe als Gottesdienst und Weltdienst auf vielfältige Weise.

Die Tänzer laden die Umstehenden ein mitzutanzen und werden damit selbst zu Tanzlehrern, die anderen den Grundschritt der doppelten Liebe und die Musik des Himmels erklären und vorleben.

Autoren: Andrea Haase, Damaris Hans, Daniel Hufeisen, Judith Ziegenthaler

PS: Da die diese Geschichte nicht nur von mir allein geschrieben wurde, gilt ausnahmsweise nicht die Creative Commons-Lizenz. Wer diesen Text also in irgendeiner Form nutzen möchte, braucht dazu das Einverständnis aller vier Autoren.

Wein für die Verzweifelten

Die Bibel, Sprüche 31,4-9:

»Für Könige ist es nicht angemessen, Wein zu saufen. Herrscher sollen nicht nach starken Getränken verlangen. Denn wenn sie trinken, könnten sie darüber ihre Pflichten vergessen und den Armen nicht mehr Recht verschaffen.
Starke Getränke sind für die Sterbenden und Wein für die Verzweifelten. Sie sollen ihn trinken, damit sie ihr Elend vergessen und nicht mehr an ihren Kummer denken.
Hilf dem, der sich selbst nicht helfen kann; schaffe denen Recht, die für sich alleine dastehen. Ja, hilf den Armen und Elenden und sorge dafür, dass sie zu ihrem Recht kommen.«

Harald Sommerfeld im Studienprogramm „Gesellschaftstransformation“:

»Werfe es jemanden nicht vor, wenn er im Unterschichten-Fernsehen und im Bier versinkt, wenn er keine andere Perspektive hat«

Offen aus Tradition oder Sheriff Gnadenlos?

Erlangen. Offen aus Tradition.
So das Motto der Stadt, in der ich lebe.

Erlangen wird fairer.
So unser Motto mit fairlangen.org.

Sheriff Gnadenlos.
So wurde ein Mitarbeiter des Erlanger Ausländeramtes bezeichnet.

Nach einer Pressekonferenz Ende November wird in Erlangen und teilweise auch bayern- und deutschlandweit heftig über den Umgang des Erlanger Ausländeramtes mit Ausländern diskutiert. Der Vorwurf lautet, dass dort der Ermessensspielraum der Beamten häufig deutlich zu Ungunsten der Menschen ausgenutzt wird.

Einen Überblick über die zahlreichen Presseberichte zu dem Thema (von Erlanger Nachrichten über SZ bis zur taz) findet ihr findet ihr beim Flüchtlingsrat Bayern.

Und einen ersten Überblick, um was es überhaupt geht, bietet dieser Beitrag, der letzte Woche im TV-Magazin quer gezeigt wurde:

Inzwischen wurde bekannt, dass dieser Mitarbeiter (»Sheriff Gnadenlos«) das Amt wechseln wird.  Ich denke aber nicht, dass damit das Problem gelöst ist. Denn was bei dem quer-Bericht leider nicht so deutlich wird, ist, dass es bei den Vorwürfen nicht nur um diesen einen Beamten geht, sondern um eine Tendenz, die sich anscheinend durch große Teil der Arbeit des Ausländeramtes durchzieht. Außerdem ist es kein Phänomen, das erst in den letzten zwei, drei Jahren auftauchte. Sowohl Mitglieder des Erlanger Ausländer- und Integrationsbeirates als auch in der direkten Flüchtlingshilfe Aktive sagen, dass das Problem schon seit Jahren bekannt ist und es auch immer wieder Gesprächsversuche mit der Stadtverwaltung und Politik gegeben hat.

Ein in Erlangen lebender Ausländer hat mir außerdem erzählt, dass aus seiner Erfahrung viele Ausländer – egal welcher sozialer Schicht– es so weit wie möglich meiden, sich in Erlangen anzumelden und hier eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen. Studenten, die in Erlangen studieren wollen, suchen daher häufig eher eine Wohnung in Nürnberg, um mit dem Erlanger Ausländeramt nichts zu tun haben zu müssen. Andere behalten die deutsche Stadt, in der sie vorher gelebt haben, als Hauptwohnsitz und melden sich nur mit dem Zweitwohnsitz in Erlangen an. Für mich sprechen das und weitere Berichte von Bekannten, die persönliche Erfahrungen mit dem Ausländeramt hatten, eine deutliche Sprache.

Nun hat sich die katholische Pfarrgemeinde Herz Jesu in einem offenen Brief zu Wort gemeldet. Da mir der Brief nicht vorliegt, zitiere ich aus dem Bericht der Erlanger Nachrichten:

Die Verfasser sprechen sich in dem Schreiben dafür aus, dass die Flüchtlinge die Gewissheit haben sollen, „dass die Behörden, die unsere Gesellschaft vertreten, bereit sind, ehrlich, effizient und ernsthaft ihre bestehenden gesetzlichen Handlungsmöglichkeiten zum Wohl der Hilfesuchenden anzuwenden.“

Konkret setzt sich die katholische Pfarrgemeinde Herz Jesu für „verbindliche Leitlinien“ für den Umgang der Ausländerbehörde mit Flüchtlingen ein: „Die Gnade Jesu war immer besonders auf die Armen und Schutzlosen gerichtet. Als Christen sehen wir unsere Aufgabe darin, den Schwachen, die nicht gehört werden, eine Stimme zu geben.“

Den Brief hätte ich gerne auch unterschrieben.

Denn ich sehe in der Bibel, in der Flucht und Migration von den ersten Kapiteln an ein Thema sind, eine klare Linie zum Umgang mit Ausländern. Levitikus 19,33-34 habe ich ja hier schon einmal zitiert:

»Wenn sich ein Ausländer bei euch niederlässt, sollt ihr ihn nicht ausbeuten. Den Ausländer, der bei euch wohnt, sollt ihr wie einen von euch behandeln und ihr sollt ihn lieben wie euch selbst. Denn ihr selbst wart einst Fremde in Ägypten. Ich bin der Herr, euer Gott.«

Auf Jesus, der selbst auch Flüchtling war, ging der offene Brief ja schon ein. Ich möchte hier nur noch Jesu Aussage in Matthäus 25,35 erwähnen:

»Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.«

Ich wünsche mir, dass Menschen, die sich auf den weiten Weg ins schöne Erlangen gemacht haben, sagen können:

»Ich bin nach Erlangen gekommen und wurde herzlich aufgenommen.«

Und ich frage mich, wie ich als Erlanger Ausländer herzlich aufnehmen kann.